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Deckname Topas


Artikel von Claus Wietek aus dem Straubinger Tagblatt vom 01.10.2013

Wanderung zur ehemaligen geheimen Abhorchstation auf dem Polednik –
heute Aussichtsturm und einer der meistbesuchten Berggipfel
im Nationalpark Šumava in der Tschechischen Republik


Vor dreißig Jahren hätte unsere Route die wir zum Polednik eingeschlagen haben sicher nicht bis zum Gipfel geführt, sondern mit einem „kleinen“ Umweg, eher nach Pilsen, in ein Gefängnis in Pilsen. Aber die Zeiten des Kalten Krieges sind, Gott sei Dank, vorbei. Die Grenzen sind offen, wenn auch hier im Nationalpark Bayerischer Wald nur für vier Monate. Vom 15. Juli bis 15. November ist es aus Naturschutzgründen erlaubt den Grenzübergang Hirschbachschwelle zu benutzen. Vom beschaulichen Ort Buchenau, 8km östlich von Zwiesel, starten wir unsere Spätsommertour.
Bei der Brücke über den Pommersbach, direkt in der Ortsmitte, gibt es einen großen Parkplatz, der unser Ausgangspunkt ist. Die Markierung „Pestwurz“ begleitet uns hinauf durch den schattigen Laubwald zum Lindberger Schachten, unserem ersten Etappenziel. Bis 1924 wurde diese Weide für das Jungvieh genutzt und auch heute noch wird sie als Kulturdenkmal gepflegt und vom Bewuchs freigehalten. Die 9,1 Hektar große freie Fläche liegt auf ca. 1100 bis 1200m Höhe und ist bereits um 1619 angelegt worden. Es lohnt sich über den Schachten hinauf bis zur Hütte zu steigen, den Blick hinüber zum Großen Rachel zu genießen. Die Weite und die Stille aufzunehmen, die Ruhe zu spüren.
Nur mit etwas Überwindung können wir uns wieder aufmachen diesen idyllischen Platz zu verlassen. Unser Pfad führt unten, ganz in der Nähe wo wir aus dem dichten Wald gekommen waren, weiter Richtung Nord-Ost in die „ Gruft", wie diese Waldabteilung genannt wird. Romantischer kann man sich kaum einen Waldweg vorstellen. Nahezu höhengleich führte uns der Steig durch den steilen Hang. Das satte Grün der Buchenblätter weicht schon einem helleren Ton, erste Herbstfarben tauchen auf. Nach und nach sieht man die Forststraße linker Hand heraufkommen, bis wir sie schließlich erreichen. Wir folgen ihr weiter Richtung Grenze. An der Abzweigung zur Hirschbachschwelle vorbei geht es immer weiter sanft ansteigend in eine Steppenlandschaft mit einem seltsamen, einem fast bedrückendem Charakter. Noch vor einigen Jahren war hier dichter Wald. Doch dann kamen Kyrill und die Käfer. Der Sturm Kyrill legte in der Nacht zum 19.01.2007 die Bäume um wie Streichhölzer, die Borkenkäfer taten ihr Übriges. Da der Park verpflichtet ist bis 2027 die Waldschäden aufzuarbeiten wurde das Sturmholz und die Käferleichen herausgeholt. Es blieb eine weite Fläche mit sich sanft im Wind wogenden Gräsern. Irgendwie erinnert das Szenario an die Prärie des Wilden Westen und nicht an den Bayerischen Wald. Es fehlen nur noch die Tumbleweeds, jene vertrockneten, runden Sträucher die in den Western-Filmen durch die verlassenen Straßen rollen.
Ein Schild lotst uns weg von der Straße, hinunter zum Grenzbach. Hier am Talgrund hat sich der Wald noch halten können. Auf einer neuen Holzbrücke queren wir hinüber ins Tschechische und ein verwachsener Waldweg bringt uns schließlich hinauf zur ehemaligen Kolonnenstraße, die von Modrava herauf kommt und direkt zur ehemaligen Militärstation führt. Den markanten Turm mit seinem ockerfarbenen, halbrunden Anhängsel sieht man schon Weitem. Er ist neben dem im Juli 1998 neu errichteten überdachten Freisitz, das einzige Gebäude was noch übrig geblieben ist. Alle anderen Bauten wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Rund um das Gelände steht kaum mehr ein lebender Baum. Manche der grauen Riesen liegen am Boden, andere recken ihre dürren Äste noch in den Himmel. Die Baumleichen blieben, die Käfer sind weiter gezogen.
Der Duft von frisch gegrillter Wurst strömt uns entgegen, lockt uns in den kleinen Imbiss am Fuß des Turms, ehe wir uns an den Aufstieg wagen. Einige Runden im Treppenhaus haben wir schon gedreht bis wir die unterste Plattform erreichen und unseren Obolus für den Eintritt entrichten dürfen. Hier wird der Nationalpark Šumava vorgestellt, dazu gibt es Bildbände, Landkarten und diverses Informationsmaterial. Im Stockwerk darüber erfährt man Interessantes über den ursprüngliche Einsatzzweck: Das Abhorchen aller möglichen Funkverbindungen des kapitalistischen Westen. Historische Funkgeräte sind ausgestellt, eine Funkerstation ist nachgestellt. Mehrere Reihen Stacheldraht, Warnschilder vor Minen, eine Anleitung zum richtigen Benutzen einer Gasmaske, ein Modell der ehemaligen Anlage mit all ihren Gebäuden und viele Bilder erinnern deutlich zu welchem Zweck dies alles gebaut worden ist. Hier wurde der Kalte Krieg geführt, bis 1989. Auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR war hier vertreten und lauschte mit. Topas lautete der Deckname der Station.
Die in den 1960-Jahren errichtete Anlage war ein gut gehütetes Geheimnis. Selbst Landkarten wurden absichtlich verzerrt um die strategische Position zu verbergen. Die Station hatte sogar Luftunterstützung durch eine Hubschrauberstaffel vom nahegelegenen Ort Zhůří. Diese fliegenden Einheiten lieferten sich dann öfters „Katz-und Mausspiele“ mit der US-Army die ebenso an der Grenze patrouillierte. Eine dieser Jagden wurde durch einen Unfall bekannt.
Die Amerikaner hatten sich am 12. September 1985 hinter einem Hügel mit ihrem Helikopter, einer Cobra, im Schwebemodus versteckt und der tschechoslowakische Hubschrauber, eine Mi-24D, eine Art fliegende Festung, versucht dies genauso, ging aber ungewollt, sehr unsanft zu Boden. Die Besatzung überlebte wurde aber teils schwer verletzt. Nach fast einer Stunde (!) sandte man einen zweiten Hubschrauber aus. Der sollte die Situation klären, kam dann aber aufgrund der vorherrschenden Windverhältnisse in ähnliche Schwierigkeiten. Nur aufgrund größerer Flughöhe konnte er den unkontrollierten Sinkflug gerade noch korrigieren. 1989 wurde das Sperrgebiet an der Grenze und die Armeestellungen aufgelöst. In der obersten Etage des 37 Meter hohen Turms, wird auf ein Unheil ganz anderer Art hingewiesen. Riesige Fotos auf Leinwänden zeigen die Hinterlassenschaft des Sturms Kyrill der auch über den Mittagsberg, wie der 1315m hohe Berg mit deutschem Namen heißt, hinwegfegte. Der Aufstieg zur Aussichtsplattform ist nicht jedermanns Sache, einige der vielen Besucher zögerten, manche kehrten sogar wieder um. Der Grund ist zunächst eine sehr steile Holztreppe welche weiter nach oben führt. In einen dunklen, verwinkelten Raum um dort zu einer nahezu senkrechten Stahltreppe zu kommen. Erst sie führt hinauf ins Freie, zur Aussichtsplattform. Weit reicht der überwältigende Blick von dort zum Arber, zum Falkenstein und Lackenberg die mehr im Norden zu finden sind und zum Kleinen und Großen Rachel und zum Lusen im Süden. Auch erkennt man von hier die gewaltigen Dimensionen der abgestorbenen Wälder. Ganz oben sind auch zwei Webcams angebracht, anhand derer man sich auch im Vorfeld über das Wetter und die Sicht informieren kann. Man erreicht sie unter folgenden Adressen:

http://webcam.sumava.eu/redir.php?to=poledwest
http://webcam.sumava.eu/redir.php?to=polednorth


Eine detaillierte Routenbeschreibung und eine Karte dazu findet sich hier:
waldberge.de/steig9.php

Der Wind weht kühl und verscheucht uns bald. Für den Rückweg gibt es kaum Alternativen. So wählen wir die gleiche Route und freuen uns schon auf die leckeren Blaubeeren die es in rauen Mengen auf dem Lindberger Schachten zu dieser Jahreszeit gibt.





Aussichtsturm am Polednik




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