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Die Gulden Straß, die Blauen Säulen und das Lusenbachtal

Artikel von Claus Wietek aus dem Straubinger Tagblatt vom 06.08.2013

Ein alter Handelsweg von Bayern nach Böhmen, Gerichtsentscheide vor 300 Jahren und heute, und ein Naturparadies ersten Ranges.

Voll Vorfreude hatten wir schon auf ihn gewartet. Auf den 15. Juli. Auf jenes markante Datum an dem im Nationalpark Bayerischer Wald für vier Monate die "Sonstigen Wege und Steige" begangen werden dürfen. Pfade, die noch aus der Zeit vor dem Nationalpark existieren und nicht markiert sind. Und ein ganz besonderer wäre dabei gewesen, die "Gulden Straß" zu den "Blauen Säulen", dem alten Grenzübergang, und weiter hinüber ins Böhmische zum Forsthaus Březník, Pürstling wie es früher hieß, im Nationalpark Šumava in der Tschechischen Republik.
Eine feierliche Eröffnung war geplant, bei dem der Weg durch das Lusenbachtal für die Wanderer wieder freigegeben worden wäre. Sechs Tage vor dem geplanten Termin hob das Gericht in České Budějovice die Genehmigung auf. Die Gesamtsituation der hier lebenden Auerhahnpopulation ist nicht ausreichend berücksichtigt worden, so die Begründung.
Um den Wanderern dennoch die Möglichkeit zu geben, von Bayern aus das Forsthaus zu besuchen und von Tschechien aus den Berg Lusen zu besteigen, wurde die alte Umleitungsstrecke wieder aktiviert. Sie war bis zum Jahr 2011 offen gewesen, dann aber wegen neuer Erkenntnisse über das Auerwild geschlossen worden. Jetzt war sie wieder begehbar, als Alternative für die gesperrte Route. Das überraschende Urteil, das auch durch den deutschen Zeitungsblätterwald gerauscht war, von einem Paukenschlag unterm Lusen war die Rede, hatte viele Besucher verunsichert. Auch die Infotafeln am Zustieg auf denen nur vom gesperrten Weg durchs Tal die Rede war, trugen ihren Teil dazu bei. So machten sich am ersten Wochenende nach der Öffnung nur wenige Wanderer auf den Weg. Die Nachbarn aus Tschechien waren zwar besser informiert, aber auch sie konnte man an den Händen abzählen. Das Wetter war gut, angenehm leicht bewölkt, bei knapp über 20 Grad. Ideal für eine Tour durch den abgestorbenen Hochwald. Die vielen jungen, nachwachsenden Bäume haben zwar schon eine beruhigende, jedoch noch nicht wieder schattenspendende, Größe. Vom alten Wald blieben nur die grauen Riesen, kein Blatt, keine Nadel, keine Rinde. Der Borkenkäfer hat sie auf dem Gewissen, jene Skelette die sich über Kilometer auf dem Rücken des bayerisch-tschechischen Grenzgebirges ausdehnen.
Wir starteten vom Parkplatz Waldhausreibe nahe der Ortschaft Waldhäuser. In den Sommermonaten kann man ihn nur mit dem Igelbus erreichen. Der schlaue Igel ist das Maskottchen für die roten, mit Erdgas betriebenen umweltfreundlichen Linienbusse. Sanft ansteigend, auf dem Böhmerweg marschieren wir nach Norden. Auf der alten mittelalterlichen Handelsstraße, die "Gulden Straß" genannt, als hier reger Handel mit Salz getrieben wurde. Es ist nicht weit, etwas über zwei Kilometer bis zur Grenze nach Böhmen. Ein kräftiger Schilderwald erläutert uns dort die aktuelle Situation, hier am historischen Punkt, bei den "Blauen Säulen", wo man immer noch nicht die Grenze überschreiten darf.
Woher kommt diese eigenartige Bezeichnung? Der Name der Waldabteilung, auch in den Karten ist er so vermerkt, deutet es auf eine mysteriöse Art schon an: Hochgericht. Hier an dieser Stelle wurde vor langer Zeit Recht gesprochen. Von vorbeikommenden Händlern. Die nächsten ordentlichen Gerichte waren zu weit entfernt. Und so wurden die Delinquenten bei entsprechenden Straftaten kurzer Hand an den "Blauen Säulen" aufgeknüpft, gehenkt. Eine Säule stand in Bayern, die andere in Böhmen, darüber ein massiver Querbalken. Das waren die "Blauen Säulen", ein Galgen.
Zum Forsthaus hinüber wäre es auf der direkten Stecke nicht weit, es ist in Sichtweite, nur gute drei Kilometer. Neue Bohlen sind bereits an den nassen Stellen verlegt worden, alles wäre vorbereitet gewesen. Aber die Direttissima bleibt uns verwehrt. Ein schmaler Pfad bringt uns langsam, immer an den weiß-blauen Pfosten der Grenzmarkierung entlang, hinauf zum Kleinen Spitzberg. Nicht viel mehr als zwei Schuhe ist er breit, teils ausgewaschen. Die ersten tschechischen Wanderer kommen uns entgegen. Ein freundliches "Dobrý den", ein "Guten Tag" wird ausgetauscht. Auf einem kleinen Hochplateau geht es dann hinüber ins Böhmische. Die Wegführung ist abenteuerlich. Unzählige umgestürzte Bäume sind zu überwinden, die grauen Riesen fallen. In den Boden geschlagene Pfosten leiten uns. Wir durchstreifen hüfthohes Farnkraut, es verströmt einen besonderen, nicht unangenehmen Geruch. Es riecht herb. Ein bergauf und bergab bringt uns zu einer alten Kolonnenstraße. Die Grenzwache patroulierte hier zu Zeiten des Kalten Krieges. Heute holt sich die Natur nach und nach ihr Eigentum zurück, selbst durch den groben alten Teer. Die letzten 1,5 km harter Asphalt sind rasch vorbei und wir stehen im offenen Tal, in Zone I., was höchstem Schutzstatus im Nationalpark Šumava entspricht. Traumhaft, idyllisch gelegen. Der Modravský potok, der Lusenbach, schlängelt sich von den Hängen herab durch die Wiesen, auf denen nur vereinzelt ein paar Bäume wachsen. Der blaue Eisenhut blüht gerade. Ein dunkles, königliches Blau trägt er, aber es ist nicht ratsam eine der giftigsten Pflanzen Europas auch nur anzufassen. Am Horizont dominiert der pyramidenförmige Lusen, mit seinen markanten, flechtenüberzogenen Blockhalden im Gipfelbereich. Ein paar Meter müssen wir noch links den Hang hinauf und wir haben unser Ziel erreicht.
Das 1804 errichtete, alte Forsthaus Březník / Pürstling. Bis 1951 war es bewohnt, hier in einer der kältesten und niederschlagreichsten Gegenden im ganzen Böhmerwald. Temperaturen von unter minus 20 Grad sind keine Seltenheit (-23,9 Grad am 09.12.12). Danach wurde der Eiserne Vorhang zugezogen, die Grenztruppe darin untergebracht (1952 – 1970). Erst lange nach der Samtenen Revolution und der damit verbundenen Öffnung der Grenze zwischen Bayern und Böhmen, renovierte man das alte Gebäude. Heute, am Wochenende, ist es gut besucht. Viele Radfahrer kommen aus dem 6km entfernten Modrava hier her. Seit 2002 ist im Forsthaus eine Informationsstelle des Nationalparks Šumava und ein Museum zu Ehren Karl Klostermanns untergebracht.
Der Dichter beschreibt in seinem Roman „Aus der Welt der Waldeinsamkeiten“, der 1882 erschien, sehr eindrucksvoll das Leben des Forstadjunkt Koán und dessen Kampf mit der Natur, hier im Lusenbachtal. Schildert die eiskalten Winter und den meterhohen Schnee, der das Dorf von der Außenwelt abtrennt, schildert wie sich die Menschen gegen die Natur behaupten und verlieren. Und auch die kurze und letztlich unglückliche Liebe zur Tochter des Hegers, die an der Einsamkeit zerbricht. Wir besuchen diese kleine Ausstellung im Obergeschoß des alten Gemäuers, ehe uns die Gaststätte im Erdgeschoß zu einer Rast einlädt, zur Stärkung für den Rückweg, auf und bei der Gulden Straß.





Das Lusenbachtal, im Vordergrund das Forsthaus Březník / Pürstling
am oberen Bildrand, am Ende des Tals, der historische Grenzübergang "Blaue Säulen"

siehe auch:
http://www.npsumava.cz/cz/1444/9187/clanek/na-modry-sloup-mohou-turiste-alespon-nahradni-trasou-ubocim-spicniku/



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