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Auf einsamen Bergpfaden zum Kleinen und Großen Osser

entnommen aus dem Buch "Auf einsamen Bergpfaden" von Friedl Thorward
Pustet Verlag Regensburg
(mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags)


Silbersbach/Eggersberg - Südgrat - Kl. Osser - Gr. Osser

Gehzeit: 3 Std. 40 Min. Streckenverlauf: schwer
Höhenunterschied: 1300 m
Erforderlich: gute Kondition, Bergerfahrung, Schwindelfreiheit, Karte, Kompaß, Bergausrüstung
Einkehrmöglichkeit: Osserschutzhaus
Nicht markiert

Im Italienischen gibt es das Wort "Direttissima" für den direktesten Aufstieg auf einen Berg. Auch der Kl. Osser hat so einen Aufstieg. Er ist alpin steil und hat weder Weg noch Markierung, aber er ist aufregend schön.
Wenn wir vom Lamer Winkel zum doppelgipfeligen Grenzberg hinaufschauen, fallen uns ein paar felsnarbige Stellen auf, die der Wald in den 10000 Jahren seit der letzten Eiszeit noch nicht überdecken konnte. Ein regelrechter Felsgrat zieht vom Kl. Osser in Richtung zwischen Eggersberg und Silbersbach hinab, wo er sich allmählich in den Wäldern verliert. über diesen Grat führt eine der schönsten Aufstiegsrouten. Sie fordert schwindelfreie Wanderer, die gerne ohne Weg gehen und den harten Aufstieg nicht scheuen. Als Ausgangspunkt kann Silbersbach oder Eggersberg gelten. Während von ersterem ein sehr steiniger Waldweg bis zu dem genannten Grat und noch weiter bis zum Sattel zwischen Kl. und Gr. Osser hinauf führt, zieht von Eggersberg eine Waldstraße bergwärts. Auf beiden Wegen kommen wir zum Südgrat. Am besten ist es aber, wenn wir ihn durch den Wald ohne Weg möglichst weit in Talnähe zu erreichen suchen (40 Min.). Wir brauchen ihm dann auf vorhandenen Trittspuren nur aufwärts zu folgen. Schöner, einsamer Bergwald mit Ausblicken zum Gr. Osser und zum Grenzkamm lassen uns die Anstrengungen des Aufstiegs bald vergessen. Allmählich wird der Baumwuchs spärlicher und hört plötzlich ganz auf (80 Min.). Vor uns steigt der Berg außergewöhnlich steil an. Der Hang scheint nur noch aus Fels und Gras zu bestehen. Hier ist Vorsicht angebracht, denn die Steinblöcke liegen oft locker und kippen unter unseren Tritten. Das hohe, ungemähte Gras ist trügerisch. Es verdeckt die Sicht auf den Hang. Griffe und Tritte suchend, tasten und stemmen wir uns empor. Eine Felsenkanzel nach der anderen erobern wir, aber noch steht hoch über uns das Gipfelkreuz. Rechts von der felsigen Gratschneide geht es wild hinein in einen abschüssigen Hang, durch den weit unten der reguläre Wanderweg von Silbersbach ansteigt. Verschnaufend schauen wir oft von schwindelnder Höhe frei hinunter in den Lamer Winkel, wo sich bis zum Kaitersberg-Arber-Kamm dichte Wälder breiten. Nur ein schmales Wiesental und die Lichtungen der Bergbauernhöfe von Vorderöd bis zu den Mooshütten hinauf blicken wie grüne Augen zu uns herauf. Ein Kranz von Bergen, vom Zwercheck bis zum Hohenbogen, umgibt den grünen Lamer Winkel. Nach einer weiteren Felsbastion, aus deren Rissen lange Gräser wachsen, und die erneut zum Verweilen verführt, wird der Aufstieg zur Kletterei. Gute Tritte und Griffe, rauer Fels und feste Graspolster machen ihn aber zum Vergnügen. Nach Überwindung einer letzten griffigen Wand stehen wir auf dem Gipfel des Kl. Osser (120 Min.) und Fühlen die ungläubigen Blicke der "Durchschnittswanderer", die auf normaler Route gekommen sind. Viele von ihnen wagen nicht einmal einen Blick da hinunter, wo wir heraufgestiegen sind. Kein Gipfel im Grenzgebirge gewährt einen so gewaltigen Tiefblick wie der Kl. Osser. Wenn wir dann noch auf einem der zahlreichen Trampelpfade oder gar über die Gratfelsen hinüberqueren zum Gr. Osser (150 Min.), finden wir im Sattel, rechts von Silbersbach heraufkommend, wieder den steilen, steinigen Wanderweg. ...




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