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Ruinen am "Zwiseleck": Bauernhof, Einsiedelei und Nazi-Versteck

Artikel aus der Kötztinger Zeitung vom 20.09.2003, von Jasmin Brandl
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kötztinger Zeitung, Jürgen Hirtreiter)


Erste Besiedlung des Hofes im Jahre 1609 - Siedlung 1902 verödet

Neurittsteig. Mitten im Rittsteiger Wald nahe der Grenze zu Böhmen, etwas versteckt und halbverfallen schlummern die Überreste einer Hofanlage vor sich hin. Das sind die "Einöd-Keller" Neurittsteigs, die selbst viele Ein- heimische nicht mehr kennen. Sie haben im Laufe der Zeit vieles mitgemacht und die Mauerüberreste könnten sicherlich einige abenteuerliche Geschichten erzählen. Einst als "Zwiseleck" bezeichnet, stellte die Gehöftanlage mit den umliegend durch brand gerodeten Wiesen (daher wahrscheinlich der Name "Brandwiese") einen eigenen Ortsteil von Engelshütt und seit 1852 von Rittsteig dar.
Als erster Bewohner wurde Johann Kolbner im Jahr 1609 erwähnt. Als letztes lebten dort oben in dem Wald zwischen Bayern und Böhmen einsiedlerisch bis zum Jahre 1902 die Eheleute Alois Vogl und seine Frau Theres, geborene Schreiner aus Silbersbach. Ihr Leben fand weit abgelegen von der übrigen Dorfgemeinschaft statt. über die Entstehungsgeschichte der Einsiedelei lässt sich nicht mehr viel sagen, in den Archiven der umliegenden Gemeinden findet sich kaum mehr etwas. Einzig das Landesvermessungsamt Cham konnte einen Lageplan der ursprünglichen zwei Wohnhäuser mit Stallungen aus dem Jahre 1840 aus den Archiven herbeizaubern. Als letzten Zeitzeugen konnte der ehemalige Kirchenpfleger und Bürgermeister a.D. Hans Kelnhofer sen. etwas über den "Einöd-Bauern" erzählen. Dessen Großvater habe nämlich eine recht gute Beziehung zu dem "Einöd-Bauern" gepflegt. Die beiden waren gute Freunde und besucht sich etwa alle ein oder zwei Wochen. Sogar im Winter habe man das so beibehalten. Schließlich waren ja trotz hoher Schneewände die Wege passierbar, besser sogar als heutzutage da die Holzfäller damals mit den Schlitten ausrückten und ihre "Rutschbahnen", die als Verkehrswege dienten, gut pflegten und frei hielten.
Hans Kelnhofer, besser bekannt unter dem Namen "Bechei Hans" wusste zu berichten, dass seine Großmutter als so genannte "kloane Dirn", also als niedrige Dienstmagd auf dem abgelegenen Hof arbeitete. Dort oben habe sie dann die Reibereien der Bäuerin mit ihrem Mann mitgekriegt. Die Frau stammte nämlich ursprünglich aus dem Gemeindebereich Lam und wollte auch lieber dort zur Kirche gehen. Und überhaupt wurde ihr das Leben in der Abgeschiedenheit so zuwider, dass sie ihren Mann schließlich mit Hilfe einiger Drohungen, darunter die ihn zu verlassen, soweit brachte, den Hof und das Grundstück mit insgesamt 320 Tagwerk Wald und Wiesen im Jahr 1902 für 25000 Goldmark zu verkaufen.
Damit endete die Familiengeschichte der Einöd-Bauern, die etliche Generationen lang mit dem Einsiedlerhof verbunden war. Das ließ sich aus den Grundbüchern der Gemeinden und Grundbuchämtern in Furth im Wald, Kötzting und Neukirchen b. hl. Blut erschließen. Soweit es sich zurückverfolgen ließ war der Hof immer in Besitz eines Bauern mit dem Familiennamen Vogl. Was dann folgte, war wenig glorreich. Das Haus und das Austragshaus wurden verwüstet und die überreste schlummerten viele Jahre Wind und Wetter überlassen. Erst im Jahre 1928, als der Besitzer einen Großteil des Waldes - wohl aus finanziellen Gründen - abholzen ließ wurde auf den Ruinen des ehemaligen Hofes eine kleine Blockhütte als Notunterkunft errichtet. Ein ViehHüter aus der Schweiz soll einige Zeit dort gelebt haben. Die Rittsteiger trieben damals das ganze Vieh des Dorfes kollektiv auf die fruchtbaren brandwiesen im Hochwald. Aber auch dieses war nur ein kurzer Abschnitt in der Geschichte des Hofes. Der Schweizer Hüter blieb nur drei Jahre lang, dann verschwand auch er wieder spurlos und wurde im Nebel der Geschichte vergessen. Belebt wurde die verbliebene Notunterkunft in der Ruine erst wieder am Ende des zweiten Weltkrieges. 30 Mann der SS verschanzten sich dort oben vor den heranrückenden amerikanischen Truppen, bis ihnen Kollaborateure aus der Bevölkerung Zivilkleidung zukommen ließen, damit sie unerkannt fliehen konnten. Der "Bechei" berichtete, dass die der Verurteilung entgangenen Nazis später hier ihren Urlaub verbrachten und sich immer wieder über den Zustand des Versteckes erkundigten.
Seitdem habe dort aber niemand mehr gewohnt. Einzig die Buben von Hans Kelnhofer sen. nutzten in ihren Jugendjahren die verfallenen Kellergewölbe als Spielplatz. Aus diesem Grund geriet die alte Hofanlage oder was von ihr noch übrig ist auch in Vergessenheit. Trotzdem kann man sich die verfallenen "Einöd-Keller" und die Grundrisse der Hofanlage immer noch anschauen. Wer gerne wandert und Lust hat etwas abseits des Weges zu stöbern, der kann dort die verfallenen überreste eines einst kleinen aber gut gepflegten Hofes bewundern, der zu vielerlei Zwecken ge- und missbraucht wurde und in Vergessenheit geriet.


ein paar stark zugewachsene Grundmauern erinnern an den Hof



im Bayernatlas ist die Hofstelle auf einer alten Karte eingezeichnet




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