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Bayerischer WaldNiemands Herr, niemands Knecht

Textauszug entnommen aus dem Buch "Deutschlands romantische Mittelgebirge"
von Tom Dauer (Autor), Bernd Ritschel (Fotograf)
Verlag National Geographic Deutschland

(Text veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors)

...
Auf einem Alpengipfel sitzend, sah ich ihn zum ersten Mal.
Der Föhn hatte die Luft gereinigt, und nördlich der hohen Berge präsentierte sich üppige Landschaft:
die welligen Kuppen des tertiären Hügellandes, dahinter das flache Schwemmland der Donau, der Gäuboden, am Horizont steil aufragend die schwarzgrün gesäumten Hänge des Bayerischen Waldes.
Ein Gipfel ragte dort etwas über die vielen anderen hinaus:
der Große Arber, 1456 Meter hoch, der »König des Bayerischen Waldes«.

So ein Angeber. Protzt mit schierer Höhe, dabei ist er auch nur aus Gneis und Granit, wie seine vielen Nachbarn. Andererseits, er hat schon etwas Besonderes, der Berg, über den Adalbert Stifter (1805-1868), biedermeierlicher Meister der Naturbeschreibung, ein Jahr vor seinem Tode schrieb:
»Man kann jahrelang hier verweilen und ersättigt sich nicht an der Mannigfaltigkeit der Gestalten.«

Den Großen Arbersee könnte der Dichter gemeint haben, zum Beispiel, ein malerisches Relikt der Eiszeiten. Oder den Richard-Wagner-Kopf, eine Felsengruppe, die der markanten Physiognomie ihres Namensgebers ähnlich sieht. Oder die »Arbermandln« — jene skurrilen Formen, Gestalten und Gesichter, zu denen Schnee- und Eisstürme in kalten Wintern die Latschen und Fichten der Gipfelregion formen. Zwischen Regensburg und Passau, grob gesagt, schmiegt sich der Bayerische Wald ins Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Österreich.
Wobei dieses Bild eigentlich falsch ist, denn das Mittelgebirge schert sich nicht um politische Grenzen und setzt sich im Osten als Böhmerwald fort. Geologisch gehören die beiden Gebirge zusammen: Ebenso wie der Oberpfälzer Wald und das Fichtelgebirge im Norden sind sie Teil des Böhmischen Massivs. Jahrhundertelang war daher nur vom »Woid« die Rede, vom Wald, wenn das gut 100 Kilometer lange, von einer tektonischen Störung — dem sogenannten Pfahl — in einen vorderen und hinteren Teil getrennte Mittelgebirge gemeint war. Die Menschen, die auf welcher Seite der Landesgrenze auch immer in den Hügeln lebten, waren die »Waidler«. Der »Bayerische Wald« wurde erst zum Begriff, als die Hochstifte Regensburg und Passau im Zuge der Säkularisation an Bayern fielen.
1829 wurde er als Landschaftsname eingeführt. Er ist geblieben.
Den Großen Arber kümmert's nicht. Er ist der einzige Gipfel im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet, dessen Kuppe souverän über die klimatische Waldgrenze hinauslugt.
Ganz oben sitzt man quasi im Zentrum des Woids, hinabschauend auf Stifters »Wälder alle, unermesslich und undurchdringlich, sodass unsere nur Gärten dagegen sind«. Auch in diesen Wäldern, nördlich und südlich, links und rechts, nah und fern, gibt es Landschaften zu entdecken, die vor dem »König« wahrlich nicht zu kuschen brauchen.

Frühmorgens, das schräge Licht der Sonne wird von Fichten ringsum in Strahlen zerschnitten, gehe ich vom Parkplatz Ossersattel los. Es bräuchte den zeitigen Aufbruch nicht, denn mein Weg ist nicht weit. Aber ich mag es, wenn die Morgenluft noch feucht und blass zwischen Waldboden und Himmel hängt und Moose, Flechten und Farne ihren erdigen Geruch verströmen. Oft fröstelt man, die Härchen auf Armen und Waden stellen sich auf, ein leichter Wind kühlt Wangen und Ohren, und wenn man atmet, spürt man kalte Luft in die Lungen strömen. Man lebt dann für kurze Momente wie in einer Zwischenwelt — nicht mehr zu Hause, aber auch noch nicht unterwegs. Wach, aber noch nicht aktiv. Wunschlos, und stattdessen voller Vorfreude. Dann macht man die ersten Schritte, und schon flutet eine wohlige Wärme den Körper, eben so, wie eine kräftiger werdende Sonne die nächtlichen Nebelschleier aufsaugt. Es dauert nicht lange, eine halbe Stunde gemütlichen Aufstiegs etwa, bevor der lichter werdende Wald freie Sicht gewährt. Dort unten, zwischen den Bergkämmen von Hohem Bogen und Kaitersberg, spitzt der Lamer Winkel in den Bayerischen Wald hinein. Eine schöne Landschaft ist das, im klassischen Sinne, von Menschen seit dem 13. Jahrhundert gerodet und besiedelt, aufgeräumt und anheimelnd gemacht.
Deshalb wirkt sie auch offener, freundlicher als die Landschaft weiter im Süden — weil Felder und Wiesen in den Wald hineindrängen, hellgrüne und gelbbraune Flecken im dunklen Nadelgrün bildend. Und gleich wirkt alles nur noch halb so finster.
Bald teilt sich der Weg, links geht es zum Großen Osser, auf dessen 1293 Meter hohem Gipfel seit 1897 ein »Schutzhaus« steht, das sich im Laufe der fahrzehnte allerdings zu einem ausgewachsenen Gastronomiebetrieb entwickelt hat. Es hat dort einen ziemlich starken Zugang, deshalb biege ich lieber nach rechts ab, zum Kleinen Osser, 1266 Meter.
So eng liegen die beiden Gipfel beieinander, dass sie jenseits der Grenze, in Tschechien, als »Brüste der Mutter Gottes« bezeichnet werden. Nachgeprüft habe ich das nicht, nur gelesen — aber bitte, wenn man die beiden Erhebungen so aus der Ferne betrachtet, ist der Gedanke so weit hergeholt nicht.

Der Kleine Osser jedenfalls ist der vielleicht unverbrauchteste Berg im Woid — eine sanfte Erhebung mit einer kleinen Felsnase als Gipfel, die ihm den Beinamen »Matterhorn des Bayerischen Waldes« eingetragen hat. Man mag das für etwas übertrieben halten. Aber die Menschen im Lamer Winkel sind stolz auf ihren Berg, der zum deutsch-tschechischen Grenzgebiet gehört wie der Toblerone-Berg zu Zermatt.
Er ist auch in vielen Lebenslagen präsent: Die Legenden vom Osserriesen jagen den Kindern heute wie eh und je Angst und Schrecken ein. Im Luftkurort Lam zu Füßen des Ossers gibt es ein Osserbad, die Landesligakicker der SpVgg Lam nennen sich »Osserbuam«. Und in der benachbarten Gemeinde Lohberg wird seit 140 Jahren Osser-Bier gebraut.
Ich finde, da darf auch der Berg selbst etwas mehr sein, als er es in Wirklichkeit ist.

Sowieso sollte man sich im Bayerischen Wald nicht täuschen lassen vom ersten Anschein. Auch nicht im Nationalpark, dem ältesten in Deutschland, gegründet 1970, der zusammen mit dem Nationalpark Sumava auf tschechischer Seite den größten Wald Mitteleuropas bildet. Wenn man dort eine Tour macht, vom Bergdorf Waldhäuser auf den Lusen zum Beispiel, über die steil ansteigende sogenannte Himmelsleiter, dann könnte man leicht den Eindruck gewinnen, man wandere durch eine postapokalyptische Landschaft. Graue Bergfichtenskelette ragen spindeldürr in den weißblauen Himmel, eine Baumgespensterarmee, stumm und klagend ... Aber halt!
Schon habe ich mich hinreißen lassen vom bloßen Augenschein. Es gibt in der Natur, wenn sie Natur sein darf, ja keine Täter —und deshalb auch keine Opfer. Ips typographus, der Buchdrucker-, vulgo Borkenkäfer, braunschwarz, vier bis sechs Millimeter groß, hat zwar tatsächlich seit Mitte der 1990er-Jahre große Flächen im Nationalpark vernichtet. Auch weil der Mensch nicht mehr eingreifen will in die natürliche Dynamik des Waldes. Zugleich aber hat der Borkenkäfer dafür gesorgt, dass im Schutz abgeknickter Bäume wieder ein naturbelassener Bergfichtenwald heranwachsen kann. Denn das Totholz bietet ein ideales Nährbett für Sämlinge, die den frischen Bodenfilz aus Gräsern und Farnen sonst kaum durchdringen könnten. So entsteht ein junger, kräftiger, artenreicher Wald, in dem seine natürlichen Feinde dem Borkenkäfer keine Chance mehr lassen.
Auf dem Lusen sitzend, zuoberst eines Blockmeeres – haufenweise lose Granitböcke, die von der Landkartenflechte gelbgraugrün gesprenkelt sind -, freue ich mich darüber, dass es möglich ist, auch in einem touristisch voll erschlossenen Gebiet Erfahrungen zu machen, die mich der Natur näherbringen.
Oder umgekehrt.
In Mittelgebirgen wie dem Bayerischen Wald umherstreifen ist nicht nur ein Zeitvertreib, nicht nur naive Schwärmerei, nicht nur ästhetischer Genuss. Es ist auch ein Staunen, ein Hineinwachsen und ein Lernen in Demut von den Dingen und Geschichten, die man nicht begreift, wenn man zu Hause bleibt.

Zurück zum Kleinen Osser: An der Künischen Kapelle vorbei führt der schmale Pfad auf felsigem Grund zum Gipfel. Wie ein Aderngeflecht ranken sich dicke und dünne Fichtenwurzeln um die Steine, seltener Quarzit, 2012 zum „Gestein des Jahres“ gekürt. Für den Wanderer macht das keinen Unterschied – nur auf die Wurzeln sollte man achten, über die stolpert man leicht.
Am Gipfelkreuz eröffnet sich ein großes Panorama: In ihrer ganzen Pracht entfalten sich die Wald- und Wiesenlandschaft der Oberpfalz unter den Füßen des Wanderers. Am interessantesten jedoch ist eine Freifläche etwas unterhalb und nördlich des höchsten Punktes. Das ist die Osserwiese, die daliegt, als schwimme eine grüne Luftmatratze in einem Meer aus Baumwipfeln.
Bis in die 1950-Jahre, als die Bauern des Lamer Winkels noch Jungrinder und Stierkälber durch die Wälder trieben, wurde die Osserwiese als Schachten — als Sommerweide —genutzt. Heute müssen nachwachsende Bäume, Büsche und Sträucher von Menschen entfernt werden, sonst würden sie dieses Stück Kulturlandschaft überwuchern. Wenn man ganz genau ist, gehört der Kleine Osser geomorphologisch nicht zum Hauptkamm des Bayerischen Waldes oder des Böhmerwaldes, sondern zum kleinen Künischen Gebirge.
Dessen Name rührt her von den »künischen«, also königlichen Freibauern, die das Gebirge seit dem 12. Jahrhundert bewohnten, Felder bestellten, Wälder rodeten, die Grenzen sicherten und verteidigten. Für ihre Arbeit erhielten sie verschiedene Privilegien, sie hatten ihre eigenen Gründe und waren von allen fürstlichen Lehen befreit.
»Niemands Herr und niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht«, so lautete das Motto der stolzen Menschen, deren Sonderrechte erst 1848 aufgehoben wurden.
Auf die Osserwiese hinabblickend, stelle ich mir vor, wie vor Hunderten von Jahren ein Bauernbub auf einem der Quarzfindlinge saß, barfuß, seinen Hut in den Nacken geschoben, einen Grashalm kauend und in die Sonne blinzelnd. Seinen Tieren ließ er freien Lauf, seinen Gedanken ebenso. Vermutlich hatte dieser Bub weder das Bedürfnis noch die Muße, über seine Rolle in der Natur, seine Beziehung zu Flora und Fauna nachzudenken.
Aber die Vorstellung, dass dieser Bub sich im Bayerischen Wald so frei fühlte, wie ich mich in diesem Moment diese Vorstellung gefällt mir gut.









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