waldberge.de
Home>Künisches Gebirge


Der Kleine und der Große Osser - eine romantische Landschaftsbeschreibung

entnommen aus dem Buch "Mein wildes Waldgebirge" von Friedl Thorward
Pustet Verlag Regensburg
(mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags)

...
Nun steigen wir durch den Lohberger Glashüttenwald Zügig hinauf zum Osser. Rund 570m Höhenunterschied trennen uns von seinem nackten Felsgipfel, der auch verwöhnte Bergsteiger zu begeistern vermag. Wenn wir zum ersten Mal zwischen Wetterfichten hindurch den Kühn vorspringenden Kleinen Osser sehen, schlagen unseren Herzen höher, und die bisherigen Mühen sind vergessen. Der jetzt beginnende harte Aufstieg zum Großen Osser über den manchmal ausgesetzten Felsensteig versetzt uns schnell in Ehrfurcht vor diesem großartigen Berg. Er ist alpin und wild, und wenn wir endlich zwischen den beiden Grenzsteinen hindurch den Kreuzfelsen erklettert haben, liegen uns nicht nur von den Bergwäldern gerahmt der Lamer Winkel zu Füßen, sondern auch die Böhmischen Wälder mit dem Donnerwinkel und dem grünen Angeltal. Nochmal geht der Blick nordwärts, rechts am Hohen Bogen vorbei, über Neukirchen b. hl. Blut hinweg in die Further Senke. Blaßgrau steht der Čerchov dahinter. Rechts von ihm weitet sich der Böhmische Kessel, Über den meist feiner Dunst lagert. Wenn wir Glück haben, sehen wir über seinen leichten Schleier die fernen Bergketten der Sudeten und des Riesengebirges. 300km des uns fremd gewordenen Nachbarlandes liegen dazwischen. Auch über den 1101m hohen Jägerhübel, der als Grenzberg am Aufstieg vom Tanneneck her liegt, geht der Blick ungehemmt ins Böhmische Flachland und verliert sich schließlich im Dunst der Ebene. Im Süden und Westen, wo die Waldkämme des Kaitersberg-Arber-Zuges wie eine schwarze Mauer im Gegenlicht stehen, blitzen aus dem Tal silbern die Windungen und Altwasser des Weißen Regens. Der kleine Osser mit seinem Gipfelkreuz ragt wie ein Schattenriß ins Bild. über den Brennessattel hinweg schauen wir in die rauchige Niederung von Zwiesel. Die mächtigen Felsen, über die wir heraufkamen, leiten zum waldbedeckten Grenzkamm im Künischen Gebirge über. Dahinter - schon auf tschechischem Gebiet - stehen Spitzberg, Panzer und Hahnenriegel, auf dem der große Regen seinen Ursprung hat. Eine gewaltige Rundschau ist es, die uns auf dem Gipfel festhält. Es ist der Gipfel, von dem der Böhmerwalddichter aus Neuern, Hans Watzlik, sagte, er sei " ein leidenschaftliches Aufbäumen der Erde, wolkenhemmend und sturmspaltend, eine dräuende Gebärde des Gebirges gegen den Himmel".
Auch auf diesem Eckpfeiler des Bayerischen Waldes ergänzen sich Sage, Geschichte und Wirklichkeit zu einem eindrucksvollen Gemälde. Da sei einst noch ein dritter Ossergipfel gewesen mit einer Burg. Auf dieser hauste ein Raubritter. Er hatte einem ehrbaren Fräulein Gewalt angetan. Zur Strafe für diesen Frevel versank der Gipfel unter einem Donnerschlag mitsamt der Burg. An seiner Stelle liegt heute der unheimliche Teufelssee. - Eine andere erzählt von einem wunderlichen, ungebärdigen Osserriesen, der schließlich von einem Hirten überlistet wurde. Der hatte ihm ein Springkraut zu schnupfen gegeben, worauf der Riese zerplatzte. Sogar Watzlik beschäftige sich mit den "Osserriesen im Klammergspreng". - Und, wie könnte es anders sein, auch dieser regende Gipfel hat sein verwunschenes Schloßfräulein, das erlöst werden möchte, und seinen Goldschatz, den noch keiner heben konnte, weil unheimliche Mächte dies vereiteln.
Im Ossergebirge - auch Künisches Gebirge genannt - das sich im Grenzkamm bis Eisenstein hinzieht und noch mehrere Böhmische Gebirgswellen und Täler umfasst, und dessen Hauptort Seewiesen in Böhmen war, lebten seit dem 11. Jahrhundert die Künischen Freibauern. Künisch heißt königlich. Es waren bayerische Bauern, die Herzog Bretislav I von Böhmen ins Land gerufen hatte. Sie waren besonders harte Siedler, die als Lohn für ihr schweres Los im abgelegenen Urwald mit besonderen Rechten ausgestattet waren. Sie waren keinen Leibeigenen, keine gewöhnlichen Untertanen, sie waren für "ewige Zeiten" frei. Ihr Land war in neuen Freigerichte eingeteilt. Sie hatten eigene Gerichtsbarkeit, eigene Jagd und Fischerei, eigenes brau- und brennrecht, waren steuer- und abgabenfrei und dem Landesfürst direkt untertan. Fast 8 Jahrhunderte lang lebten sie nach dem Spruch: Niemandens Herr und niemandens Knecht, das ist künisch Bauernrecht.
Sie brachten es zu Wohlstand und Ansehen. Als aber das Gebiet nach 1600 von Bayern abgetrennt wurde, und der Böhmische Graf Zdenko Kolowrat sie zu Leibeigenen machen wollte, kämpften sie mit Waffen gegen ihren Unterdrücker. Noch einmal konnten sie ihre Unabhängigkeit bewahren. Doch 1848 beraubte sie die Österreichische Verfassung ihrer Vorzugsstellung. Sie kämpften noch lange einen erbitternden Kampf um ihre angestammten Rechte. Ihre Nachfahren sind zur Bedeutungslosigkeit abgesunken, abgewandert oder in den Wirren der neuen Zeit verschollen. Nur der Name erinnert noch an sie. - Maximilian Schmidt hat ihnen in der Erzählung "Die künischen Freibauern" ein literarisches Denkmal gesetzt.
Noch ein weiterer Volksstamm wurde von Herzog Bretislav zu Beginn des 11. Jahrhunderts jenseits der Grenze angesiedelt - die Choden. Sie saßen nördlich von den "Künischen" und siedelten fast hinauf zur Egerer Pforte. Ihnen war die Aufgabe des Grenzwächters zugedacht. An der Further Senke konnten sie ihr Volkstum bis auf 4km an die Grenze vorschieben und behaupten. Man nennt sie heute die "Hundsköpfigen" und verbindet damit die Vorstellung, dass sie besonders wachsam und bissig die Grenze verteidigten. Doch dies taten sie nur, wenn sie sich bedroht Fühlen mußten. Dann verstanden sie auch zu kämpfen, aber im Grunde waren sie ein friedliebendes, gutmütiges und religiöses Volk. Den Hundskopf haben sie schon in alter Zeit vom Siegel ihrer Richter übernommen. Auch sie hatten als dem Herzog in einer rauen, abgelegenen Gebirgsgegend willkommene Siedler früh schon besondere Freiheiten erhalten und um diese Jahrhunderte lang streiten müssen. Ihre bunten Trachten, ihre bäuerliche Volkskunst sind im Bayerischen herüben in guter Erinnerung.
Daß die Choden immer als interessante Nachbarn geschätzt wurden, zeigt Waldschmidt, der in der Erzählung "Hancicka, das Chodenmädchen" sich auch mit ihrem Volkstum befaßte.
Mit Sicherheit ist hier heroben vom 12. bis ins 17. Jahrhundert hinein die von den Grafen von Bogen erbaute Osserburg gestanden. Leider ist sie nur in alten Berichten und Karten nachgewiesen. Ihre Ruine, etwaige Reste oder auch nur Spuren blieben bis heute unentdeckt. Im Jahr 1707 ist sie zum ersten Mal erwähnt, und noch vor 100 Jahren soll man die Trümmer ihrer Mauern gesehen haben. Aber auch das seit 1901 bestehende Osserschutzhaus, nur 10m unterhalb des Gipfelfelsens, gleicht einer Trutzburg. Es wurde vom Bayerischen Waldverein hart an den Eisernen Vorhang gestellt. Unmittelbar an den Wirtstischen vorbei zieht als Holzplanke die tschechische Grenze. Jenseits der Planke stand früher noch ein Tisch. Als Buben sind wir an diesem Tisch besonders gern gesessen, weil uns drüben im Böhmischen "das Bier besser schmeckte". Heute ist dies nur noch schöne Erinnerung. Der Tisch mußte verschwinden. Sogar der Ziegenstall mußte entfernt werden, weil durch ihn die Grenze verlief.
Wenn wir uns im Schutzhaus für die Nacht einrichten, bleibt uns genug Zeit, auch noch den sehr lohnenden Kleinen Osser zu besteigen. Der Tiefblick von seinem Gipfel ins Tal ist noch Kühner, noch gewaltiger, und über die verlassene Bergweide auf dem nordwärts ziehenden Grat schauen wir hinunter zur grünen Lichtung von Lambach, um die sich unabsehbar dunkle Wälder legen. gegen Lam bricht der Gipfel alpin ab, und ein langer Felsgrat zieht hinab in Richtung Eggersberg. Er ist ein noch unberührtes Kletterparadies.
Bis die Felsen sich rot färben, sollten wir wieder droben sein auf dem Großen Osser. Dann steht nämlich der rote Sonnenball schon hinter dem Kaitersberg, und der Farbenzauber des scheidenden Tages zieht uns wieder einmal in seinen Bann. Wenn noch das letzte rote Glühen auf den Felsen und auf unseren Gesichtern liegt, ist im Angeltal und im Lamer Winkel schon die Nacht eingezogen. Tiefer Friede legt sich dann auch über die Ossergipfel.
Eines aber dürfen wir keinenfalls versäumen: Bevor wir uns zur Ruhe legen, sollten wir im Sternenlicht noch einmal den Gipfel ersteigen und die fantastische Schau in die Täler genießen, wo tausende von Lichtlein funkeln. Fast scheint es, als würden sich da drunten die Sterne spiegeln, die ohne Zahl vom Himmel leuchten. Nur wenige Menschen kennen diesen Blick. Er ist überwältigend. Wenn es am nächsten Morgen grau wird über den Bergen, sich im Osten der Himmel rötet, und dann sich das erste Sonnenlicht wie flüssiges Gold über die fernen Höhen ergießt, hält es uns nicht mehr in der engen Hütte. Die Sonne grüßt uns schon, wenn wir aus der Tür treten. Die Schatten der Berge sind noch lange und auch der des Ossers reicht über das ganze Tal. Herrlich frei Fühlen wir uns in dieser frühen Stunde auf dem Gipfel. Ein neues Erlebnis steht uns bevor, denn wir gehen einen der schönsten, einsamsten - und wegen der Grenze - Gefährlichsten Wege des Gebirges. Gefährlich deshalb, weil der oft kaum kenntliche Pfad über den Kamm bald auf bayerischer, bald auf tschechischer Seite verläuft, und wir in dem ungangbaren Gelände kaum vermeiden können, dass wir die Grenze manchmal für einige Meter überschreiten. Daher Vorsicht! Wir müssen zunächst auf dem Lohberger Weg hinab bis an den Fuß der letzten Gratfelses. Dort finden wir mir draht verspannt, den Einstieg in den Grenzkamm zum Zwercheck. Jetzt beginnt die absolute Einsamkeit. Fels, schütterer Wald und hüfthohes Gras beherrschen den Bergrücken. In der Grenzschneise, die über schmale Grasflecken, Felsgipfel und durch Urwald zieht, und auf der zwischen Steinblöcken und faulenden Baumstrünken die Heidelbeeren in verschwenderische fülle reifen, windet sich ein dünnes, kaum noch sichtbares Weglein, Überbleibsel aus einer Zeit, als beiderseits der Grenze noch Freunde wohnten, und dies ein vielbegangener Wanderweg war. Die Grenze ist aber nicht das einzige, das diese Wanderung zum Erlebnis werden läßt. Dazu gehören auch die freien Ausblicke in die Täler und zu den jenseitigen Bergen, an denen sich noch keiner sattsehen konnte, dazu gehören die aus dem Urwald aufragenden Felsen, um die die roten Beeren der Eberesche leuchten, die beiden Ossergipfel, die sich immer wieder wirkungsvoll ins Bild Rücken, die grünen Moose, die sich wie ein Teppich über den Berg breiten, ja, selbst der sterbende Kammwald, der silbergrau und bizarr auf uns niederschaut. Dazu gehört aber auch eine Rast auf den flechtengrauen Zinnen der Höhe 1228 mit dem Grenzstein als Tisch und mit den sonnengewärmten Felsen als Sessel, so eine richtige Bergsteigerrast, vom Gratwind umweht, mit beherrschendem Blick über ein wildes Land.
Da blühen die Blumen um den Grenzstein, und sie kennen keinen Unterschied ob tschechisch oder deutsch, Samen fallen hinüber und herüber, sie zeugen überall die gleiche Art, und es kann vorkommen, daß ein Birkhahn schnarrend über die Grenze fliegt, als wollte er uns zeigen, dass diese nur für die klugen Menschen gemacht ist und für sonst nichts auf der Welt. Und wenn wir in dreistündigem, wildem Auf und Ab den Grat durchschritten und das Hochplateau des Zwerchecks (1333m) erreicht haben, dann sind wir noch einmal betroffen vom Anblick der Ziegelruine der ehemaligen Prager Hütte, deren rote Pfeiler unmittelbar jenseits der Grenzlinie gespenstisch aus dem wild wuchernden Wald ragen. Noch vor etwa 45 Jahren war das Haus bewirtschaftet. ...


Anmerkung zu Friedl Thorwards Buch welches 1980 erschien:
Der Grenzübertritt am Großen Osser ist wieder möglich.
Am Osser besteht ein ganzjähriges Kletterverbot.
Der Weg zum Zwercheck ist in der Zeit nach dem "Kalten Krieg" kein Problem mehr.



Osser von der Mooshütte aus








>zum Seitenanfang