waldberge.de
Home>Hohenbogen Winkel


Der Horchposten auf dem Hohenbogen

Artikel aus der Reihe Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors, Rainer Nikolaus Heinrich)



Ein Denkmal an die Zeit des "Kalten Krieges"

Seit 40 Jahren steht er nun da, weithin sichtbar - der Koloss aus Stahl und Beton, über 70 Meter in den Himmel des Bayerwaldes ragend. Von seiner Planung bis zur Verwirklichung vergingen sieben Jahre. Bereits 1960, damals dachte noch gar niemand daran, dass es einmal den Standort Kötzting geben würde, begann die Planung für die Fernmeldetürme am damaligen Eisernen Vorhang. Sieben Stück an der Zahl sollten es werden, sechs für die Luftwaffe und einer für die Marine. Von der Planung dieser Türme bis zur Inbetriebnahme der Anlage auf dem Hohenbogen vergingen sieben Jahre. Am 11. Juni 1964 wurde die Baustelle eingerichtet. Elf Tage später wurden die ersten Sprengungen im harten Hohenbogen-Fels vorgenommen, um dem insgesamt 81 Meter hohen Bauwerk ein sicheres Fundament zu verschaffen. Ab diesem Tag waren etwa 120 Baumeister und Handwerker bis Ende September ununterbrochen, auch an den Wochenenden und Feiertagen, Tag und Nacht tätig. Mit Hilfe einer Gleitbauschalung wurde der Turm in einem Stück bis auf 35 Meter hochgezogen. Auch der Aufzugschacht im Turm wurde gewissermaßen als ,"Turm im Turm" auf diese Art gebaut. Umfangreiche Erdbewegungen waren erforderlich, um dem Turm eine feste Basis zu geben. Dabei tauchten Schwierigkeiten auf, als man plötzlich im massiven Fels auf eine breite, mit Erde ausgefüllte Schrägspalte stieß.
Der gewaltige Fuß des Turmes mit einem unteren Durchmesser von 24,5 Metern ist von einer sechs Meter dicken Erdschicht bedeckt. Der sichtbare Fußpunkt liegt bei 1070 Meter NN; der Turm ragt bis auf 1145 Meter in den Himmel (sichtbare Turmhöhe 75 m). Die 1100-MeterGrenze wird im siebten Stockwerk erreicht.
Bereits im Mai 1965 wurden die Ausbauarbeiten im Inneren des Turmes aufgenommen und nach nur 15 Monaten Bauzeit, in denen 550 Tonnen Stahl und 2650 Kubikmeter Beton verarbeitet wurden, grüßte das neue Wahrzeichen des Hohenbogen bis weit nach Niederbayern und in die Oberpfalz.
Am 27. Juni 1967 übernahmen die Soldaten des Fernmeldesektors F ihre neue Einsatzstellung. Die Fernmelde- und Elektronische Aufklärung im Fernmeldeturm begann offiziell am 3.Juli 1967 um 15 Uhr. Ab 17.38 Uhr wurden Meldungen abgesetzt.

Inzwischen steht der Turm, der im Juli 2006 vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in die Liste geschützter Denkmäler aufgenommen wurde, als Symbol für die Zeit, als sich die Menschen rechts und links des ,,Eisernen Vorhangs" nicht über den Weg trauten und versuchten, über den "potentiellen Gegner" möglichst viel zu erfahren.
In diesen. Jahren leisteten bis zu 280 Soldaten und Arbeitnehmer der Bundeswehr (Luftwaffe und Heer), in bis zu fünf Schichten eingesetzt, rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Dienst im ,,Turm". Sie trugen mit ihren Informationen, die sie dem Äther ablauschten und der militärischen und politischen Führung zur Verfügung stellten, wesentlich zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland bei. Sie halfen bei der Erstellung der Gesamtlage, erkannten Änderungen in der Truppenkonzentration oder Veränderungen in der Stärke von Streitkräften des Warschauer Paktes. Durch ihre Meldungen konnten Absichten und Einsatzverfahren erkannt werden. Die Einführung neuer Waffen und Waffentechnik wurde aufgedeckt. Diese Erkenntnisse wurden mit Hilfe moderner elektronischer Systeme durch das Vermessen und Auswerten von elektromagnetischen Ausstrahlungen, die sich von den führungs- und Waffensystemen der östlichen Nachbarn ausgehend über die Grenzen hinweg ausbreiteten, gewonnen. Dabei arbeiteten Soldaten und zivile Arbeitnehmer, Aufklärer und Techniker, Verwaltung und Logistik eng zusammen.
Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes erhielten die Soldaten der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung der Luftwaffe eine neue Aufgabenstellung: Sie ermöglichten nun im Rahmen der konventionellen Rüstungskontrolle (KVAE) eine zuverlässige Klassifikation und schufen somit eine wesentliche Voraussetzung für die politische Handlungsfreiheit.
Ab 1993 wurde der Einsatzauftrag in einen Auftrag für Ausbildung und Inübunghaltung umgewandelt, der Fernmeldesektor F in die Krisenreaktionskräfte eingegliedert und der 24-Stundenschichthetrieb auf Tagesdienst umgestellt. Zusätzlich wurden sie in die Krisenreaktionskräfte integriert. Kötztinger Luftwaffensoldaten kamen zur Unterstützung ihrer Kameraden auf dem Balkan und in Afghanistan zum Einsatz, nahmen an NATO-Übungen in Spanien, Norwegen und Frankreich teil. Am 15. Oktober 2002 wurde der Erfassungsbetrieb ganz eingestellt. Der Schlüssel zur Einsatzstellung wurde am 31. Dezember 2003 an die Standortverwaltung übergeben. Damit endete die nahezu 40-jährige Ära der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung der Bundeswehr auf dem Hohenbogen.
Die Einsatzstellung auf dem Hohenbogen wurde aber nicht nur von den Soldaten der Luftwaffe genutzt. Vom 9. Oktober 1967 bis 30. September 1993 diente sie auch Soldaten des Heeres, die mit einer Stärke von bis zu 140 Mann in Kötzting stationiert waren, als Aufklarungsplattform. Im Herbst 1969 bezogen französische Luftwaffen- und Heeressoldaten auf dem Hohenbogen innerhalb des umzäunten und bewachten Geländes eine eigene Einsatzstellung. Ihre Quartiere hatten diese Aufklärungsspezialisten in Furth im Wald und in Rimbach-Lichteneck.
Als allererste jedoch hatten die US-amerikanischen Streitkräfte die günstige Lage des Hohenbogen für Aufklärungszwecke erkannt, auf dem sie von 1956 bis 1976 operierten. Sie waren, ebenso wie eine Zeit lang auch französische Heeressoldaten, in Rimbach stationiert.

Rainer Nikolaus Heinrich







>zum Seitenanfang