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Arthur Naaf: Glücksritter am Hohen Bogen

Artikel aus der Kötztinger Zeitung vom 30.09.1997, von Wolfgang Reimer
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kötztinger Zeitung, Wolfgang Reimer)



Vor 70 Jahren begann ein heute fast vergessenes Kapitel ostbayerischer Bergbaugeschichte.

Ingenieur suchte sein Glück im Asbestvorkommen:
"Versorgung hat kriegswichtige Bedeutung".

Kötzting / Hohen Bogen. hinter zentimeterdicken Stahlrohren schlummert seit Jahrzehnten eine fast vergessene Episode lokaler Wirtschaftsgeschichte. Tief im Hohen Bogen glaubte vor rund 70 Jahren ein Regensburger Bergingenieur sein Glück in Form eines seltenen Minerals Gefunden zu haben: Asbest.
Mit aller Energie, Tricks und sogar wider besseren Wissen will Arthur Naaf die seltene Mineralfaser versilbern. Das Unternehmen schlägt zunächst fehl. Dann aber wittert er nach Hitlers Machtergreifung eine neue Chance. Asbest ist selten und für die Industrie kriegswichtig und das einzige Vorkommen auf Reichsgebiet, das "Aussicht bietet, einen nennenswerten Beitrag für die deutsche Asbestversorgung zu liefern." Doch Naaf hat in dem Kötztinger Forstamtsleiter Eberhard Weiger einen Gegenspieler, der die Motive Naafs schon bald durchschaute und ihm immer wieder bürokratische Steine in den Weg legt. Einspannendes Duell beginnt.
Am Südosthang des Hohen Bogen sind die Spuren des Bergbaus noch heute zu sehen. Abraumhalden, Fahrwege, Schürfgruben, die fast dreißig Meter tief in den Fels getrieben wurden. Unter einer Felsdecke versteckt, geben verschieb- und verschließbare Stahlrohre den Weg in ein mehrere Hundert Meter langes Stollensystem frei. Wasser schwappt bis nahe die Gummistiefeloberkante, Taschenlampen malen helle Kreise auf das dunkle Gestein, es wird Kühl, der Sommertag bleibt draußen. Aus dem Wasser ragen verrottete Stämme, die einmal den Stollen abgestützt haben; weiter im Inneren sind noch deutlich die Eindrücke von Schienenschwellen zu erkennen, auf denen das gebrochene Gestein abtransportiert wurde. Mehrere Abzweigungen führen vom Hauptstollen weg.
Gesucht hat Arthur Naaf hier nach feinen grauen, speckig glänzenden Adern von Serpentinit, die durch das dunkle Gestein (Amphibolit) des Hohen Bogen ziehen. In diesem Mineral finden sich die feinen Asbestfasern, die der Regensburger Bergingenieur so verbissen suchte. Manchmal nur wenige Millimeter dick, durchzieht Asbest den Serpentinit. Diese Mineralfaser hatte für die Kriegsindustrie große Bedeutung: es ist unter anderem feuerfest, säurebeständig, isoliert und kann als Dichtung verwendet werden. Naaf hatte die Vorkommen am Hohen Bogen bereits 1926 entdeckt. Der Bergingenieur hatte Erfahrung auf diesem Gebiet, wollte er doch in Deutsch-Ostafrika solche Vorkommen ausbeuten, hatte aber wegen der Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches sein gesamtes Vermögen verloren. Naafs dünne Kapitaldecke machte ersten Abbauversuchen am Aignhof bald wieder ein Ende. Das änderte sich mit Hitlers Machtergreifung. Er versucht, die asbestverarbeitende Industrie für sein Abbauvorhaben zu interessieren und hat auch einen ersten Erfolg. Die Berliner Eternit AG finanziert Schürfungen, die Naaf auf 170 Hektar Staatswaldfläche unternimmt. Das Resultat ist jedoch ernüchternd. Auf der ganzen Fläche findet sich gerademal ein Hektar, der unter Umständen abbauwürdig erscheint. Arthur Naaf, der seine Existenz mit dem Asbestvorkommen verknüpft, gibt jedoch nicht auf. Er unterstellt 1936 der Firma Eternit, das Vorkommen am Hohen Bogen nur deswegen nicht ausbeuten zu wollen, um ihrem eigenen Importgeschäft nicht zu schaden. Außerdem bezweifelt er die Fähigkeit des verantwortlichen Gutachters, eines Schweizers, dessen Resultat schon deswegen anzuzweifeln sei, weil er kein "Volksdeutscher" sei. Naafs Bemühungen haben Erfolg. Auf Anordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring, sollen am Hohen Bogen weitere Asbestproben gefördert werden.
Eberhard Weiger, der Leiter des Kötztinger Forstamtes hatte von Anfang an Bedenken gegen die Schürfversuche auf dem Gebiet des Staatsforstes. Auf bürokratischem Weg versuchte er, Naaf immer wieder Steine in den Weg zu legen: er verzögerte Antwortschreiben, stellte die Leistungsfähigkeit Naafs in Zweifel und verlegte sich immer wieder auf juristische Scharmüzel. 1937 erlangt Naaf jedoch durch das Schreiben Görings Oberwasser. Forstbehörde und der Bergingenieur schließen einen Vertrag bis ins Jahr 1970. Doch das Ergebnis der Schürfungen ist auch 1938 niederschmetternd: Das Vorkommen ist nur sporadisch und vollkommen ungenügend. Naaf gerät in ernsthafte Schwierigkeiten: er hat kein Geld mehr, um die vertraglichen Verpflichtungen an die Forstbehörden zu erfüllen. Doch der Bergingenieur stellt sich taub. Sein neuerliches "Glück" naht in Gestalt des Zweiten Weltkriegs. Wieder werden Proben aus dem "günstigsten ,reichsdeutschen Vorkommen in Rimbach" angefordert. Während das Forstamt Kötzting noch die Gültigkeit des mit Naaf geschlossenen Vertrages bezweifelt und Weiger die Person Naafs zu diskreditieren versucht ("...hat begreiflicher Weise ein großes Interesse an der Fortführung der negativen Versuche") wirft die Firma Eternit AG dem Kötztinger Forstamt die Verzögerung der "kriegswichtiger Produktion", vor. Dieser Schuß saß, doch auch die Hinhaltetaktik Weigers hatte Erfolg. Mittlerweile konnte die Berliner Firma aus "unserem serbische Vorkommen" weit bessere Qualität beziehen. Naaf war scheinbar am Ende.
Um die Ernsthaftigkeit seiner Schürfversuche führte er 1942 immer wieder Sprengungen durch, Schächte wurden nicht verfüllt oder nur ungenügend abgesichert. Im Juli '42 wird der Vertrag mit Naaf außer Kraft gesetzt. Doch das Thema Asbest taucht noch einmal in alten Akten des Kötztinger Forstamtes auf. Während die deutsche Wehrmacht an allen Fronten zurückgedrängt wird, versucht das Reichsamt für Bodenforschung in Berlin fieberhaft die Versorgung mit Asbest sicherzustellen, da vor Kriegsausbruch rund 90 Prozent des Rohstoffes aus Südafrika und Kanada bezogen wurden und jetzt auch das serbische Vorkommen verloren ist. Noch einmal soll der Hohen Bogen auf seine Ergiebigkeit untersucht werden, mit höchster Energie, "da die Versorgung mit Asbest kriegsentscheidende Bedeutung hat."
Neben Einheimischen arbeiten russische Kriegsgefangene unter Tage, die zum Teil in Holzbaracken im Wald lebten. An einigen Birken haben sie ihre Namen hinterlassen. Doch der Hohen Bogen sollte keinen Beitrag dazu leisten. Am 30. November werden die Untersuchungen wegen negativen Ergebnisses endgültig eingestellt: Es läßt sich qualitativ wie quantitativ niemals ein Abbaubetrieb aufziehen.
Wie gut die Bürokratie auch in den letzten Kriegstagen funktionierte, zeigt eine letzte Aktennotiz: 1030 Reichsmark forderte das Forstamt für die Schäden am Wald. Die Kasse des Reichsamts für Bodenforschung überweist diesen Betrag noch kurz vor Kriegsende.
Damit ist aber das letzte Kapitel noch nicht geschrieben. Im Mai 1946 will ein Further Ingenieur das Asbestvorkommen überprüfen und auch Arthur Naaf taucht noch einmal auf, und beruft sich auf seinen alten Vertrag. Wenig später stirbt der Mann, der sein persönliches Schicksal so eng an das Asbestvorkommen verknüpfte. Das Ende? Noch nicht ganz. Sechs Jahre später bewirbt sich der Sohn Naafs um die Ausbeutungsrechte. Umsonst. Der Zwiesler Georg Priehäuser stellt in einem letzten Gutachten fest, "daß neuerliche Schürfungen völlig überflüssig sind." Die Stollen, die tiefe Wunden in die Flanke des Hohen Bogen gerissen haben, haben heute auch etwas Gutes: Im Stollen finden seltene Fledermausarten einen sicheren Platz zum Überwintern.
Wolfgang Reimer

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