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Die Glazialseen des Hohen Böhmerwaldes

von Fritz Pfaffl (Geologe, Mineraloge)
aus
Geologische Blätter für Nordost-Bayern und angrenzende Gebiete
1992, Band 42, Heft Nr. 1/2, Seite 143-146

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)


Es ist immer schon genug, wenn einer sieht, was der andere sah, ob er es gleich anders sieht. Was das Denken und Meinen betrifft, so ist über solche Gegenstände ohnehin keine Übereinstimmung zu erwarten. J. W. Goethe. Kammerberg bei Eger (1808)

Die Fragen zur Glazialmorphologie des Hohen Böhmerwaldes in seiner geographischen Ausdehnung von der Schwarzkoppe (Čerchov, CR), 1042 Meter, im Nordwesten bis zum Bärnstein (Oberösterreich). 1077 Meter, im Südosten wurden seit PARTSCH (1882) stets kontrovers diskutiert. Befürworter einer geringmächtigen Vergletscherung an den Bergflanken an über 1300 Meter hohen Berggipfeln (RATHSBURG 1927, 1929) stehen im Gegensatz zu den Verfechtern der These von einer großflächigen Vergletscherung des Mader-Plateau und von Bergmassiven ausgehenden langen Talgletschern und vielen Karoiden (ERGENZINGER 1967). Die glaziologischen Verhältnisse in den Mittelgebirgen Vogesen, Schwarzwald, Böhmerwald und Riesengebirge sind ebenso wie die Fragen nach der Altersstellung (Pliozän, Interglazial oder Glazial) der fluviatilen und glaziofluviatilen Sander und Schotterebenen in Wendungen und Talweitungen bislang ungeklärt geblieben (PFAFFL 1988, 1989). Mit philosophischen Betrachtungen wird man hier nicht vorankommen, vielmehr sind gründliche bodenkundliche Kartierungen der Meßtischblätter wünschenswert. Bislang liegt nur das Blatt Zwiesel Nr. 6945 von BRUNNACKER, PRIEHÄUSSER & Mitarbeiter (München 1965) vor. Spezialaufnahmen von kleinräumigen Aufschlüssen lassen meist keine Aussagen auf das Gesamtgebiet zu (HAUFNER 1980). Generell kann gesagt werden, dass die Aufnahmen der Bodenkarten mit denen der petrographischen Kartierungen in Ostbayern nicht Schritt gehalten haben. Mit den vorliegenden Untersuchungen soll nun erstmals ein Versuch unternommen werden, die Zusammenhänge im Bereich der Karseen bezüglich der Wasserflächen zu den Seetiefen (Abb. 1c), der Höhenlagen der Akkumulationsgebiete zu den vermuteten Gletscherlangen der Wasserflächen zu den vermuteten Gletscherlängen (Abb. 1d) und der Höhenlagen der Karseen zu den vermuteten Gletscherlängen zu veranschaulichen (Abb. 1a). Alle acht eiszeitlichen Seen (Schwarzer See, Teufelssee, Lackasee, Stubenbacher See, Pleckensteiner See, Rachelsee, Großer- und Kleiner Arbersee) wurden im vorigen Jahrhundert zum Zwecke der Holztrift höhergestaut und somit in ihrer Wasserfläche und Wassertiefe um zirka 20% vergrößert. Die Werte für die nachstehenden Diagramme mußten deshalb entsprechend reduziert werden. Nicht berücksichtigt werden konnten die Einflüsse glaziologischer Gegebenheiten auf die Exposition der Karböden und die Widerstandsfähigkeiten der verschiedenen Gesteinsarten (Cordieritgneis, Glimmerschiefer, Granit) im Bereich der Kare. Generell kann davon ausgegangen werden, dass bei E, NE und N-Exposition die Gletscher vermutlich eine Größere Mächtigkeit und Länge erreicht haben, als bei S-Exposition. Akkumulationsgebiete, wie am Bärnriegel-Kar bei Finsterau, erzeugten einen ausnehmend langen Gletscher von fast 5 km Länge. Die Vereinigung der beiden Gletscherzüge vollzog sich hier schon kurz unterhalb der beiden Gletschernährgebiete. Beim Großen Arbersee vereinigten sich die beiden Gletschervorstöße aus dem Bärnbachtal und Geigenbachtal erst im Rückwärtigen Seebecken und endeten schon nach einigen hundert Metern. Die Karseen befinden sich in Höhenlagen zwischen 930 m und 1150 m. Die vermutlichen Gletscherlängen mit Ausnahme des Bärnriegel-Kar-Gletschers, belaufen sich auf 1 bis 2 km. Abb. 1b verdeutlicht die Zusammenhänge zwischen den Höhenlagen der Akkumulationsgebiete und den vermutlichen Gletscherlängen mit dem Ergebnis: je Höher das Gletschernährgebiet lag, desto länger erstreckten sich die Gletscher. Die Größe der Wasserflächen der Karseen scheint in keinem Zusammenhang mit den Seetiefen zu stehen, hier ist einzig allein die Gesteinsbeschaffenheit im Untergrund die Ursache für seichte oder tiefe Seebecken. Harte Cordieritgneise ließen nur die Entstehung seichterer Rückwärtiger Seebecken zu. Weicherer Glimmerschiefer, Glimmergneise und Granite verursachten tiefe Glazialseen. die Konstellation der Moränenwälle spielt bei der Form der Zungenbecken eine wesentliche Rolle. Arber und Rachel sind die Bergmassive mit den höchsten Berggipfeln von 1456 m und 1452 m und sie weisen je drei Kare auf, wovon schon drei (Bankelschwelle, Rachel-Nordkar und Alter See) völlig verlandet sind. Die Höhenmarken 1300 m und 1400 m im Hohen Böhmerwald verursachten während des Würmglazials einen recht differenzierten Formenschatz glazialer Morphologie.


Abb. 1a

Korrelation der Seehöhenlagen (SH) zur Länge der Böhmerwald-Gletscher (LG) im Bereich der Karseen


Abb. 1b

Korrelation der vermutlichen Gletscherlängen (LG) zu den Höhenlagen der Akkumulationsgebiete (HA).


Abb. 1c

Korrelation der Seetiefen (ST) zu den Flächengrößen der Böhmerwaldseen (FGS).


Abb. 1d

Korrelation der vermutlichen Gletscherlängen (LG) zu den Flächengrößen der Böhmerwaldseen (FGS).




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