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Die Alte vom Arber

von dr. Heide Göttner-Abendroth / www.hagia.de
(mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Auf den Spuren des jungsteinzeitlichen Matriarchats

Auf dem Arber wohnt eine mächtige Alte. Manchmal wohl sucht ein Jüngling, krank vor Liebeskummer, durch den Urwald den Weg zum Arber, steigt durch wirres Gestrüpp, über umgestürzte Stämme und durch Felsenblöcke zu ihr hinauf. Unterwegs erscheint ihm die Alte, in einer Sturmbö, einem vorbeispringenden Tier oder einem Rauschen im Gestein, zuletzt selber sichtbar als ein buckliges Mütterchen. Sie hört sich seine Liebesklage an, lacht ihn aus und neckt ihn, verschwindet und erscheint wieder, zuletzt auf dem Gipfel. Sie verspricht ihm ein Zeichen zu geben, das ihn tröstet. Niemand kennt dieses Zeichen, es ist wohl stets ein anderes gewesen. Einige haben nie eins bemerkt, andere fanden es in der Sturmbö, im vorbeispringenden Tier, im Rauschen im Gestein. Manchen aber erschien beim Abstieg eine wunderschöne Fee, nack_t ritt sie auf einem Hirsch, ihr langes Haar wehte zwischen den Bäumen. Und die Liebe der Waldfee ließ sie alle irdische Liebe vergessen.
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Die Alte vom Arber, die sich in eine junge, schöne Waldfee verwandeln kann, verweist auf eine uralte, weltweite Naturreligion. Damals stellten sich die Menschen die Welt im Großen und Kleinen noch weiblich vor: der Himmel war die kosmische Schöpferin-Göttin, die Erde die gütige, ernährende Mutter. Die Berge, Schluchten und Täler verkörperten Einzelgestalten der umfassenden Großen Erdgöttin, und die Elemente waren belebt von Feen. Natur galt als vielfältiges Lebensgefüge und war heilig.
Diese Weltanschauung brachten die ersten Ackerbauer vor ca. 7000 Jahren aus dem Kulturgebiet der ersten Ackerbausiedlungen und frühesten Städte mit. In den Jahrtausenden der Jungsteinzeit im Vorderen Orient und östlichen Mittelmeerraum einschließlich der Küsten des Schwarzen Meeres (ca. 10.000 bis 2000 v.u.Z.) entfaltete sich diese früheste Ackerbaukultur bis zu städtischer Blüte und hochkultivierten Lebensformen. Ihre Sozialordnung war matriarchal, das heißt, Frauen standen gesellschaftlich und kultisch im Mittelpunkt. Große Sippen organisierten sich in weiblicher Verwandtschaftslinie; alle Blutsverwandten, Töchter mit ihren Kindern einschließlich der Söhne und Brüder, wohnten im großen Sippenlanghaus, dem die clanälteste Frau, die Sippenmutter oder Matriarchin, vorstand.
Männer waren in dieser Sozialordnung in allen Bereichen beteiligt, aber sie handelten in dem geistigen und gesellschaftlichen Rahmen, den Frauen geschaffen hatten und vorgaben, nicht losgelöst davon auf der Suche nach dem eigenen Glück oder Gewinn. Noch heute existieren in Asien, Afrika und Amerika verstreut einzelne Völker mit dieser Gesellschaftsordnung.
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Kulttäler und Kultberge
Der Bayerische Wald enthält ganze Kult-Landschaften, die bis heute allgemein nicht erkannt worden sind.
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Die lieblichen Flußläufe von Ilz und Regen boten sich für Pilgerwege tief in den Wald hinein an, wo quellenreiche Täler, runde Kuppen und wolkenverhangene Berghäupter, in weichen Wellen aneinandergereiht, den Menschen wieder eine erhabene Gestalt der Erdgöttin vor Augen führten. Deren Geheimnisse des Lebendigen tasteten sie nicht an, sondern verehrten sie an bestimmten Kultorten.
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Göttinnen auf Bergesgipfeln
Ferner und erhabener, auch schwerer zu erreichen als der mittlere Bayerische Wald mit dieser Kultlandschaft, lag für die Menschen damals die höchste Kette des Bayerischen Waldes, das Grenzgebirge zu Böhmen (früher Böhmischer Wald).
Es trägt die Gipfel von Arber, Rachel und Lusen.
Ferne und geheimnisvolle Berggipfel galten schon immer als Sitz der Gottheiten, so auch hier. Die Sage von der "Alten vom Arber" und die Erinnerung an die "Lusen-Hexe", die eigentlich eine graue Riesin ist, die auf dem Lusengipfel ihre schürze voller Steine ausgeschüttet haben soll, weisen darauf hin, dass diese runden Berghäupter als Sitze oder erscheinungsformen der Erdgöttin selber galten. Vielleicht lebten bei diesen heiligen Gipfeln
nur noch Einsiedlerinnen als oft kräuterkundige Waldfrauen und Heilerinnen, zu denen Menschen in Not pilgerten. Die Sage von der "Alten vom Arber" weist darauf hin, dass auch Liebesschmerz als ernst zu nehmende Krankheit galt, die Heilung brauchte. Wobei die weise Alte vom Arber sehr wohl wußte, wodurch Liebeskummer geheilt werden konnte, nämlich nur durch die Liebe selbst.
Wir sehen sie in dieser schönen Mythe in den anderen beiden Gestalten der dreifachen Göttin des Matriarchats erscheinen:
einmal als die dunkle Greisin, die wissende Alte, die zurückgezogen lebt und das Schicksal der Menschen kennt, und zum anderen als die rote Göttin, die überaus schöne Fee der Liebe. Die Alte ist eine Todes- und UnterweltsGöttin, und die Pilgerreise bis zum Arbergipfel, durch Wald mit Bären und Wölfen, war durchaus eine Art Gefährlicher Jenseitsreise. Der Pilgerweg zur Alten vom Arber war wohl jener heute noch eigenartige Wanderpfad durch die Seewände hinauf, der unmittelbar beim Südgipfel auf dem Arber endet, wo der Kopf der Alten erscheint. Dieser seltsame Felsenkopf, der schon lange vor Richard Wagner Bedeutung gehabt hat, heißt heute fälschlich "Richard-Wagner-Kopf".
Leider ist das geschichtliche Gedächtnis der meisten Menschen so kurz!
Ich halte ihn für den Kopf der Alten vom Arber, der dem Pilger am Ende seines Weges erschien. Hier angelangt, konnte er der Alten nun seinen Kummer erzählen, und sie hörte schweigend zu. Das Gipfelplateau des Arber war ebenfalls ein Kultort, denn seine vier Felsengipfel, die fast genau in den vier Himmelsrichtungen um das Plateau liegen, bilden von Natur aus einen magischen Kreis. Archäologische Funde wurden am Südgipfel gemacht, und am Ostgipfel steht eine Marienkapelle, die auch diesen "heidnischen" Platz verchristlichen sollte. Hatte der Pilger diesen magischen Kreis abgeschritten und wanderte den Pfad wieder abwärts, so begegnete ihn in der wilden Üppigkeit des Waldes vielleicht die Waldfee, selber schön wie die Natur. Sie war die Liebesgöttin des Berges, die im Mittelalter "Frau Venus" hieß. In Mitteleuropa gibt es noch andere solcher Venusberge, wie zum Beispiel der Hörselberg am Thüringer Wald, an den sich die Tannhäuser-Sage knüpft. Die weiße Göttin des Himmels, die rote Göttin der Liebe, die schwarze Göttin des Todes und der Wiedergeburt, sie sind die dreifache Göttin des Matriarchats. Wie wir sahen, gab es sie in mehreren Gestalten auch im Bayerischen Wald. Auf dem merkwürdigen Felsengipfel Dreisessel am Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Österreich hatte sie sogar in dreifacher Gestalt ihren Sitz. Später, in patriarchalen Zeiten, wurde ihre Gestalt wie auch woanders vermännlicht, und nun sollen es die drei Heiligen Könige der christlichen Legende gewesen sein, die auf dem Dreisessel-Berg gethront haben. Aber diese kamen erst etliche Jahrtausende nach den matriarchalen Göttinnen auf.
So ist manchen Leuten heute noch bekannt, dass der christliche Türsegen C + B + M nicht die Heiligen Könige Caspar, Balthasar und Melchior meint, sondern ursprünglich die "drei bayrischen Madl" Catharina, Barbara und Margaretha bezeichnete. Und diese waren keine christlichen Heiligen, sondern die matriarchale dreifache Göttin selbst.




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